Mathilde auf dem Rollercoaster

Text aus Sporthilfe Magazin 2/26
Interview: Iso Niedermann | Fotografie: Fabian Muehleder
Zwei Olympiasiege, zwei WM-Titel, Triumphe an den X Games, aber auch mentale Abstürze und Verletzungen. Freeskierin Mathilde Gremaud – eine der grössten Wintersportlerinnen der Schweiz – auf Achterbahnreise.
Mathilde Gremaud, 26
Geboren: 8. Februar 2000
Sportart: Ski Freestyle
Wichtigste Erfolge:
Gold Olympische Spiele Milano Cortina 2026 und Peking 2022 (Slopestyle)
Silber Olympische Spiele Pyeongchang 2018 (Slopestyle)
Bronze Olympische Spiele Peking 2022 (Big Air)
Gold WM Engadin 2025 und Bakuriani 2023 (Slopestyle)
Gold X Games 2017, 2019, 2021, 2026 (Big Air)
Gesamtsieg Weltcup 2023/24 (Big Air und Slopestyle)




Ich habe tatsächlich verschiedene Charaktere im Sport und im Privatleben. Aber das ist okay so.
Mathilde Gremaud

Der Olympiacrash scheint die Herzen der Menschen für mich geöffnet zu haben. Ich spüre so viel Liebe.
Mathilde Gremaud
Bei den Spielen von Milano Cortina im Februar holt Mathilde Gremaud im Slopestyle ihr zweites Olympiagold. Auf dem Weg zum dritten stürzt die 26-Jährige vor dem Big-Air-Final schwer. Es ist bezeichnend für das Auf und Ab in ihrer Karriere. Dennoch müsste sie auch in der Deutschschweiz viel grössere Popularität haben. Wenige Winterathletinnen in unserer Sportgeschichte haben mehr erreicht. In ihrer Wahlheimat Innsbruck, wo die Freiburgerin mit Lebenspartnerin Valentina Höll, einer Downhill-Bikerin, lebt, spricht sie über diesen Umstand. Im Klartext.
Mathilde, womit hast du dich nach der Olympiasaison für das neuerliche Gold belohnt?
Mathilde Gremaud: Ich habe das Training erst im August gestartet, nachdem das Team bereits in der zweiten Juliwoche losgelegt hatte. Obwohl ich topfit war, habe ich mir eine längere Pause gegönnt. Ich würde es aber nicht «Belohnung für Olympiagold» nennen. Denn ich trainiere grundsätzlich sehr gern. Ins Gym gehe ich sowieso die ganze Zeit. Es ging mehr darum, zum Punkt zu kommen, wo ich es kaum noch aushalte ohne Skifahren, mich quasi «hungrig» zu machen.
Diese Freiheit als Privileg einer Doppel-Olympiasiegerin?
MG Puuuh (überlegt lange), ich habe nicht mal gefragt, ob ich später starten darf. Man vertraut mir. Ich weiss ja, was es braucht. Ich gehe immer aktiv mit meinen Vorstellungen auf die Trainer zu und erarbeite mit ihnen die Umsetzung. Hätte ich etwas Dummes vor, würden sie schon nachfragen: Hey, bist du sicher?
Im Frühling hast du gesagt, das erzwungene Ende einer guten Saison durch den Olympiacrash sei für dein kompetitives Gehirn schwierig zu verarbeiten. Wie weit ist es dir nun trotzdem gelungen?
MG Ich brauchte schon länger, weil ich derart bereit gewesen war. Wer weiss, ob ich in vier Jahren noch auf dem Level bin, mit reellen Chancen um zwei Goldmedaillen zu kämpfen? Ich sehe ja, wie da 15-, 16-Jährige nachkommen und mit welchem Potenzial. Ab und zu dachte ich, jetzt hätte ich echt meine Chance versaut, zweimal Gold zu holen. Inzwischen spüre ich wieder viel stärker, dass die Tür noch offen ist. Und ich kann jetzt den Gedanken ans Verpasste gut verdrängen durch den Stolz auf das Erreichte. Ich habe bei drei Olympiateilnahmen jedes Mal Medaillen geholt. Wer hat das schon geschafft?
Der Rekord von drei Goldmedaillen durch Vreni Schneider hat dich nie beschäftigt?
MG Da würde ich lügen, aber fast mehr als an die dritte goldene habe ich vor dem Big Air an die fünfte Medaille überhaupt gedacht.
Es scheint, die Wahrnehmung von dir in der Deutschschweiz wird deinen Erfolgen nicht gerecht. Hat sich für dein Gefühl daran mit Milano Cortina 2026 etwas geändert?
MG Ja, ich spüre, man nimmt mich nach dem zweiten Gold mehr wahr. Und der Crash beim Big Air scheint die Herzen der Menschen für mich geöffnet zu haben. Ich habe soooo viele Nachrichten erhalten, wie froh die Leute sind, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist. Viele Eltern haben mir auch geschrieben, ich sei ein Idol für ihre Kinder. Ich habe einfach sehr viel Liebe gespürt. Was sicherlich noch verstärkt worden ist durch diese ganze Sache mit einem ehemaligen Trainer. Die Menschen schienen sich mit mir zu solidarisieren, weil er mir kurz vor Olympia zum zweiten Mal von meiner härtesten Konkurrentin, Eileen Gu, ausgespannt wurde. In meiner Bubble hatte ich erst gar nicht realisiert, welche Wellen das Thema in der Öffentlichkeit warf. Ich hatte ja nie gehässig über ihn geredet, sondern einfach ausgedrückt, wie enttäuscht und verletzt ich bin.
Keine Ressentiments?
MG Als er das vor Peking 2022 erstmals machte, war ich geschockt. Aber auch überzeugt, dass er das nicht nochmals tun würde, auch wenn ein kleiner Rest Misstrauen blieb. Als er es dann vor Milano Cortina tatsächlich erneut durchzog, schloss ich ab mit ihm. Ich habe andere menschliche Werte. Damit hakte ich das Thema ab. Ich brauchte während Olympia meine Energie.
«Shame on you, if you fool me once. Shame on me, if you fool me twice» heissts in einem Song.
MG Trifft absolut auf mich zu. Ich war einfach naiv. Aber ich glaube, die meisten Menschen wären in dieser Situation naiv gewesen. Es brauchte nach Peking drei Jahre, bis ich mir überhaupt wieder eine Zusammenarbeit vorstellen konnte. Und nachdem wir uns über das Vorgefallene ausgesprochen hatten, glaubte und vertraute ich ihm, dass es eine einmalige Verfehlung war. Ja, shame on me, dass ich mich da nicht mit einem Vertrag abgesichert habe, der ihn viel Geld kosten würde, falls er ihn bricht. Aber so bin ich, ich kann nicht jemandem misstrauen, den ich auf meiner Seite wähne. Vielleicht verzeihe ich zu leicht.
In Peking warst du nach Big-Air-Bronze «leer», wolltest gar nicht mehr im Slopestyle starten. Und nach der Top-Saison 2023/24 bist du in ein Loch gefallen, hast die Freude an allem verloren. Wie hast du vorgesorgt, dass sich das nach Milano Cortina 2026 nicht wiederholt?
MG In Peking ist mir eine meiner Stärken zum Verhängnis geworden: Weil ich mich 100 Prozent auf den Sport konzentrieren kann, habe ich den Schock des «Verrats» verdrängt. Als dann die Medaille da war, brach alles über mich herein. Und in der Saison 2023/24 verdrängte ich private Tiefschläge wie den Tod meiner Tante. Ich dachte, mein Skifahren ist so peaceful und gut, das meistere ich schon, statt mich gleich darum zu kümmern. Die Erfolge hielten mich oben, aber sobald ich weg war vom Schnee, hatte ich zu kämpfen. Ende Saison wurde dann alles zu viel. Ich bin ein emotionaler Mensch. Hochs und Tiefs gehören bei mir dazu. 90 Prozent der Tage fühle ich mich gut, aber es kommen auch immer wieder solche, wo ich nach Sinn und Motivation suchen muss. Ich war aber diesmal besser vorbereitet darauf. Vor allem habe ich gelernt, nett zu mir zu sein. Ich darf «jours sans» haben, ohne deswegen gleich alles infrage zu stellen.

«Ich spüre, dass die Tür weiter offen ist», sagt Gremaud.

Ich habe gelernt, nett zu mir zu sein. Ich darf ‹jours sans› haben, ohne gleich alles infrage zu stellen.
Mathilde Gremaud
Gold und Bronze in Peking und trotzdem keine Chance, Sportlerin des Jahres zu werden – das hat dich getroffen.
MG Ja, schon ziemlich. Ich sah meine Resultate und jene der anderen. Meine Erfolge waren krasser, aber ich war trotzdem chancenlos. Bei mir erscheint alles als Kampf, was anderen zufliegt. Klar, wir sind eine Randsportart. Aber es stimmt für mich trotzdem nicht, drum habe ich heuer trotz Nominierung auf die Awards verzichtet. Ich will keine Energie darauf verschwenden, meine Popularität zu hinterfragen.
Hohe Hochs – tiefe Tiefs. Eine Rollercoaster-Karriere?
MG (Lacht.) Zu 100 Prozent ja! Aber das ist einfach mein Charakter, im Sport wie im Privatleben.
Diesen Charakter beschreibt dein Vater so: Du hättest dir schon als Kind keine Limiten setzen lassen, wenn du von etwas überzeugt warst. Sarah Höfflin meint, dass du die Weltpremiere Switch Double Cork 1440 im ersten Versuch geschafft hast, habe sie nicht überrascht, weil niemand so analytisch denke wie du. Und deine Partnerin Valentina sagt, nach dem Wettkampf seist du tough, bei der Familie emotional und sanft und bei euch im Privaten oft lustig, übermütig. Stimmst du zu?
MG (Lacht.) Ja, ich denke, sie habens gut getroffen. Ich habe tatsächlich verschiedene Charaktere im Sport und im Privatleben. Im Kopf bin ich immer etwas ausgelassen, fröhlich. Aber im Sport fokussiere ich extrem aufs Wesentliche und wirke dann gegen aussen tough und etwas unnahbar. Aber das ist okay so.
Wertschätzung drückt sich auch im Sport oftmals stark übers Geld aus. Fühlst du dich da korrekt wertgeschätzt?
MG Manchmal denke ich, wow, ich bekomme viel mehr, als ich je gedacht hätte. Aber dann wiederum habe ich das Gefühl, dass andere viel üppiger entlöhnt werden, und frage mich, was soll ich denn noch machen? Wisst ihr überhaupt, wie viel Visibilität mit mir möglich ist? Würde ich mich mehr ins Rampenlicht stellen, mehr Postings in den sozialen Medien absetzen, könnte ich schon mehr herausholen. Aber ich will mich nicht des Geldes wegen verändern. Und um das klarzustellen: Ich habe ausgezeichnete Partner, kann sehr gut leben von dem, was ich verdiene. Dennoch habe ich unlängst das Management gewechselt. Ich konnte mich zuvor nicht so verwirklichen und entwickeln, wie es hätte sein müssen mit meinem Status. Dabei rede ich nicht von Geld, sondern von Projekten, die ich umsetzen wollte, von meiner Darstellung gegen aussen. Mal aufs Cover eines coolen Magazins, mal ein spezieller Werbeauftritt. Seit dem Wechsel läuft das erst richtig an. Ich verstehe übrigens auch nicht, weshalb Swiss-Ski noch nie eine Kampagne in der Deutschschweiz lanciert hat, bei der ich dabei war. Immer nur die Alpinen.
Wie gross war der Impact der Sporthilfe auf deine Karriere, bevor die Erfolge da waren?
MG Gross! Ich bin die mittlere von drei Schwestern aus gewöhnlichen Verhältnissen. Die grosse hat meine Eltern nicht viel gekostet, weil sie studierte und zu Hause wohnte. Dann kam ich mit dem Skisport, mit Trainingscamps, die rasch mal 6000, 7000 Franken im Jahr kosten. Meine Eltern mussten schauen, dass es nicht unfair wurde meinen Schwestern gegenüber. Die Sporthilfe löste dieses Problem. Zuerst eine Patenschaft, dann fünf Jahre lang im Durchschnitt jeweils 22000 Franken Förderbeitrag. So war die Sportschule finanziert. Sonst wärs kaum aufgegangen für die Familie.
Nochmals zu Milano Cortina: Du hast gesagt, beim Sturz vor dem Big-Air-Final hättest du nach dem zu knappen Vorsprung auf Gu im Slopestyle überpowert. Was würdest du im Rückblick ändern?
MG Ich lechze wie gesagt nicht nach Revanche, wenn mir Unrecht geschieht. Aber als ich wiederholt auf den relativ knappen Vorsprung gegenüber Gu beim Slopestyle angesprochen wurde, hat mich das getriggert. Dieses Gefühl hat sich im Lauf der Woche hochgeschaukelt, statt dass ich es rausgelassen hätte. Ich dachte, ich müsste im Big Air mit Abstand gewinnen. Statt einfach den ursprünglichen Plan durchzuziehen, ging ich einen Extraschritt weiter. So kams zum fatalen Sturz.
Und zwar bei jenem Sprung, bei dem sich wenige Wochen zuvor der Norweger William Bostadlökken so verletzte, dass er seither im Rollstuhl sitzt. Das habe dir die ganze Woche und noch beim Einspringen im Kopf gesessen. Weshalb hast du nicht ganz verzichtet auf den Contest?
MG Das war keine Option. Ich war so überzeugt, dass ich meine Bedenken meistern würde. Aber ich hätte besser zwei Schritte zurückmachen sollen. Und in der Woche vor dem Wettkampf meinen Psychologen kontaktieren. Das habe ich nicht getan, das war mein Fehler.
Du bist längst dein eigener Massstab. Worauf liegt in den vier Jahren bis Olympia 2030 in Frankreich dein Fokus?
MG Zuerst auf der Physis. Ich muss körperlich so stark sein, dass ich bestmöglich vor Verletzungen geschützt bin. Technisch werden die kommenden zwei Jahre keine wesentlichen Neuerungen bringen. Ich will das jetzige Niveau so sehr festigen, dass meine Komfortzone grösser ist. In dieser kann ich dann in den zwei Jahren vor Olympia neue Tricks erarbeiten. Mental bin ich auf gutem Weg. Ich arbeite mit einem tollen Psychologen zusammen und fühle mich wirklich sehr gefestigt.
Keine Angst vor einem erneuten Fall ins Loch?
MG (Überlegt lange.) Ich spür auch jetzt, dass ich nicht vor Tiefs gefeit bin. Aber ich habe nun Instrumente, um mich vor dem Fall zu wappnen.
Übrigens: Mit Halfpipe wären drei Medaillen zu holen …
MG (Lacht laut.) Da habe ich zu viel Angst. Aber es wäre spannend zu sehen, wie weit ich es bringen würde in der Pipe. Wer weiss, vielleicht fange ich mit 30 noch an damit.
Im Film «She Who Flies» sagst du, «in der Luft bin ich schwerelos, zwischen Furcht und Freiheit». Was ist dir heute auf der Rollercoaster-Reise näher: Furcht oder Freiheit?
MG Die Freiheit! Ich bestimme. Mit wem ich arbeite – meine Entscheidung. Ob ich Hilfe hole – meine Entscheidung. Vielleicht ist das der grösste Reward für meine Erfolge.

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