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Befreit dank
viel Geduld

Skisprungwelt, lass dich umarmen! Gregor Deschwanden gelöst auf seiner Heimschanze in Einsiedeln SZ.

Text aus Sporthilfe Magazin 2/26
Text: Emil Bischofberger | Fotografie: Simon Habegger | Fotoassistenz: Mateo Friedrich

Bei ihm passt der Begriff «Spätzünder» perfekt. Skispringer Gregor Deschwanden hat Olympiabronze mit Gelassenheit erdauert und Zweifler verstummen lassen. Dafür gibts für den stillen Helden sogar ein Tattoo.

Gregor Deschwanden, 35
Geboren: 27. Februar 1991
Sportart: Skispringen
Wichtigste Erfolge:
Bronze Olympische Winterspiele Milano Cortina 2026 (Normalschanze)
Weltcupsieg Oslo 2026 (Grossschanze)
Bronze Europaspiele Zakopane 2023 (Normalschanze)

Tempo und Schalk: Gregor lebt in der Seifenkiste auf dem Schanzen­auslauf seine Formel-1-Affinität aus.

Man muss es live sehen. Die Formel 1 ist genauso Präzisions- und Timingsportart wie das Skispringen.

Gregor Deschwanden

Gut möglich, dass in einem anderen Land der Verband mir die Chance nicht so lange gewährt hätte.

Gregor Deschwanden

Eine olympische Bronzemedaille, der erste Weltcupsieg der Karriere: Selten hatte Gregor Deschwanden bessere Argumente, um für die Fol­ge­saison einen neuen Kopf­sponsor zu finden. Trotzdem prangt auf dem Helm des Skispringers bei den ersten Sommer-Grands-Prix ein dicker schwarzer Balken, welcher der ganzen Welt erklärt: Hier wäre noch ein Werbeplatz zu vergeben.

Der 35-jährige Routinier nimmt es mit einem Schulterzucken hin: «In den vergangenen zehn Jahren hatte ich mehr Saisons ohne Kopfsponsor als mit.» Seinem bis­herigen Partner war nicht etwa der Bronze-Aufschlag zu hoch: «Das Unternehmen zog sich komplett aus dem Skispringen zurück und wirbt nun im Golf.» Doch es gebe Interessenten. Und selbst wenn nicht, liesse sich Deschwanden von der Situation nicht verrückt machen. Er weiss: «Wenn ich gut springe, verdiene ich auch mit Preisgeldern genug.»

Fest einkalkuliert hat er dagegen den Beitrag der Sporthilfe. 12 000 Franken waren es vergangene Saison. «Als ich noch alleine wohnte, war damit jeweils schon die Miete ­gesichert», sagt Deschwanden, der unterstützt wird, seit er 17 ist.

In die Olympiasaison 2025/26 geht Gregor mit grossen Ambitionen. Im Vorwinter hat er sich in der Weltspitze etabliert, vier Podestplätze zeugen davon. Doch in diesem Winter passt wenig zusammen: Siebenmal verpasst er gar den Finaldurchgang der Top 30, auch bei den Heimauftritten in Engelberg. Er reist deshalb mit anderen ­Zielen nach Predazzo (I) zu den nor­dischen Wettkämpfen. Olympia bietet sechs Trainingssprünge statt der im Weltcup üblichen zwei. Deschwanden entscheidet gemeinsam mit seinen Trainern, die Sprünge als Chance zu sehen, um grundlegende Probleme zu lösen. Im Weltcup hat ihm dafür bis zu dieser Saisonphase die Zeit gefehlt.

Sportliche Grosserfolge öffnen Türen. Bei manchen in Form von lukrativen Sponsoringverträgen, bei Deschwanden zumindest mit einer aussergewöhnlichen Einladung. Im Sommer darf der Skispringer als Ehrengast zum Staatsempfang für den polnischen Präsidenten nach Bern. Ein Olympiamedaillengewinner macht sich gut auf der Gästeliste. Sechs der sieben Bundesratsmitglieder sind zugegen. «Das war definitiv aussergewöhnlich», sagt Deschwanden, «als Olympia-Vierter wäre diese Einladung kaum zustande gekommen.» Ihn fasziniert die Etikette des Anlasses, etwa wie er sich und seine Partnerin bei den Präsidenten der beiden Länder vorstellen muss.

Er ist der einzige Olympionike auf der Gästeliste. Nicht nur wegen Olympiabronze, sondern auch dank seiner Verbindung zu Polen. Seit 2018 ist der Luzerner mit Maria Grzywa liiert – und identifiziert sich stark mit deren Heimat Polen. Die Wertschätzung ist gegenseitig: Weil in dem Skisprungland Spitzenspringer aktuell rar sind, interviewt das nationale Fernsehen bei Weltcupübertragungen gern Deschwanden, der die Fragen so gut als möglich auf Polnisch beantwortet. «Ich spreche etwa so gut Polnisch wie ein Schweizer, der schon ein paarmal in Italien in den Ferien war, Italienisch kann», sagt Gregor. «Es ist eine sehr schwierige Sprache. Dagegen ist ­Französisch ein Klacks. Aber ich sage mir: Ausserhalb deiner Komfortzone, wenn dir am Fernsehen eineinhalb oder zwei Millionen Leute zuhören, lernst du am meisten.»

In Predazzo weiss Deschwanden vor dem Wettkampf auf der Normalschanze genau, was er ausprobieren will. Den Teamschneider hat er ge­beten, die Anzüge aus dem Vorjahr so ­abzuändern, dass sie dem neuen Reglement entsprechen. Ein ziemlicher Aufwand für diesen. Aber Deschwanden merkt schon beim ersten Sprung: «Es hat sich gelohnt. Das Gefühl im Sprung, das Feedback des Körpers – das fühlt sich gut an.» Der Schneider legt nicht als Einziger für Deschwanden Extraschichten ein. Sein Servicemann fährt 800 Kilometer, um bei sich zu Hause in Deutschland einen Ski zu holen, den sein Schützling seit dem ­Saisonstart nie mehr benutzt hat. Es ist die zweite erfolgreiche Anpassung nach dem Anzug, und Deschwanden sagt sich nach dem sechsten Trainingssprung: «Jetzt bin ich ziemlich nahe dran.» Beim Probesprung am Wettkampftag findet er auch noch beim Bindungsstab die richtige Länge, es resultiert die fünftbeste Weite. Erstmals in diesem Winter spürt Gregor, dass ein Podestplatz möglich ist.

Deschwanden lebt seit 2014 in Einsiedeln SZ, seit fünf Jahren ­gemeinsam mit seiner Freundin – viel mehr ist über ihn noch nicht ­bekannt. Auf Instagram präsentiert er seinen knapp 14 000 Followern – ein Anstieg von 5000 seit der Bronze­medaille – vor allem Skisprungbilder. Seinen Fans etwas Besonderes zu bieten, sieht er nicht als Verpflichtung. «Ich gehe ja nicht für andere Leute in die Ferien», sagt er ­lakonisch. «Klar ist es schön zu zeigen, dass es irgendwo toll war. Aber müssen das alle wissen?» Vielleicht tauge er auch einfach nicht zum Content-Creator, sinniert er weiter. Das war schon ­immer so. Auf seinem ersten Smartphone fanden sich nach zwei Jahren gerade mal 50 Fotos.

Dabei ergäben sich durchaus Gelegenheiten für Content. Ausserhalb der Saison ist das Reisen Deschwandens liebste Beschäftigung: «Die Swiss-Silber-Meilenkarte würde ich wohl auch ohne das Skispringen schaffen.» Dieses Jahr kommt er auf rund 20 private Reisen. Mehrfach ging es nach Polen und ins Tessin, dazu auch in die USA, nach England oder nach Belgien.

Vor dem ersten Wettkampfsprung hält Deschwanden seine Gedanken unter Kontrolle, mutmasst nicht, was sein könnte. «Es erleichtert das Skispringen, wenn du dir einen ­klaren Plan machst und nicht abschweifst.» Alles passt zusammen: Nach 106 Metern setzt er auf – Schanzenrekord. Im geteilten vierten Rang geht er in den zweiten Durchgang. Es sind nun auch zwölf Jahre alte Erinnerungen, die Deschwanden helfen, bei sich zu bleiben. Beim Olympia­debüt 2014 in Sotschi war er in ähnlich aussichtsreicher Position klassiert, als Sechster nach dem ersten Durchgang. Im zweiten stürzte er völlig ab. «Aus Sotschi wusste ich, dass bei Olympia die Ampelphase zum Ende hin länger werden kann. Damals hatte ich die Ski schon an – und musste dann ein­einhalb Minuten so warten. Als ich dann dran war, war ich komplett verkrampft.» Nicht dieses Mal. Bei 107 Metern landet er. Reicht das? Es reicht, der Horwer gewinnt Olympiabronze, ex aequo mit Ren Nikaido. Im Zielraum jubeln und hüpfen der Japaner und der Schweizer gemeinsam. Wie wenig sich Deschwanden mit den Medaillen auseinandergesetzt hat, zeigt sich wenig später: Die Teamkleider für die Siegerehrung hat er gar nicht eingepackt. Teamschneider Roger Kander hilft ihm mit seinen aus.

Gregor hat eine Passion für die Formel 1. Als Kind fiebert er mit Schumacher und Co. Die Netflix-­Serie «Drive to Survive» hat die Leidenschaft vor einigen Jahren neu entfacht. Sie fasziniert ihn so sehr, dass er 2024 direkt am Abend nach der Abgabe seiner Bachelorarbeit spontan Tickets für den Red Bull Ring im österreichischen Spielberg kauft – und anderntags mit seiner Freundin hinfährt. Seither besucht das Paar jährlich zwei Grands Prix. Heuer jene in Spa (B) und auf Sponsoren­einla­dung in Silverstone (GB) – Stichwort Olympiamedaillen-Bonus. «Man muss einmal live gesehen haben, mit welchem Tempo sie auf die Kurven zufahren, wie spät sie bremsen», ­beschreibt er die Faszi­nation. Und zieht – ganz Profisportler – Pa­ral­lelen zum Skispringen: «Die Formel 1 ist genauso Präzisions- und Timingsport. Bei jeder Kurve muss beides stimmen – wie bei uns beim Absprung. Wenn auch mit anderer Aktivzeit: bei uns ein paar Sekunden pro Sprung, bei ihnen eine Stunde.»

Das Wesen seiner Sportart hat Gregor auch schon ins Grübeln gebracht. «Da reisen wir etwa am Donnerstag zum Weltcup nach Japan, machen am Freitag, Samstag und Sonntag je drei Sprünge – und fliegen wieder zurück. Aktivzeit insgesamt also nicht einmal 130 Sekunden.» Umso zentraler ist die Fähigkeit, den On-off-Schalter umlegen zu können: «Ein Schlüsselfaktor für einen guten Springer ist, dass er komplett entspannt sein kann – und dann auf der Schanze 100 Prozent präsent.»

Am Morgen nach seinem Coup schreibt Deschwanden an seine Angehörigen: «Es war kein Traum, die Medaille ist noch da.» Daheim in Horw wird er gemeinsam mit Langläuferin Nadine Fähndrich (Silber Teamsprint) empfangen, die ebenfalls dem lokalen Skiklub angehört. Die Olympiasprünge lösen bei ihm den Knoten. Einen Monat danach gewinnt er in Oslo auf der Gross­schanze – es ist der erste Weltcupsieg seiner Karriere, im 310. Start! Mit 35 ist er der älteste Premierensieger überhaupt. Seine Erklärung: «Ich hatte stets Geduld, weil ich im Vergleich mit der Konkurrenz immer noch viele Opti­mierungsmöglichkeiten sah. Den perfekten Sprung habe ich noch nie erlebt. Dazu kommt der Rückhalt, den uns Swiss-Ski bietet. Gut möglich, dass in einem anderen Land der Verband mir die Chance nicht so lange gewährt hätte.»

Generell ist im Skispringen ein 35-Jähriger aber kein statistischer Ausreisser wie in vielen anderen Sportarten: Wer pro Einsatz nur wenige Sekunden aktiv ist, schont den Körper. Der komplexe Bewegungsablauf profitiert zudem von unzähligen Wiederholung, Muscle-Memory wird das genannt. Auch bei den Kraftmesswerten erreicht Gregor noch Bestleistungen. Seine Maximal­kraft entspricht mehr als seinem dreifachen Körpergewicht. Was hingegen nicht mehr geht, so gern Deschwanden da im ­Sommertraining auch mittun würde, sind stundenlange Beachvolleyball-Einheiten mit den jungen Teamkollegen – und dann zu glauben, das hätte keinen Einfluss aufs Training am Folgetag.

Für die Zukunft hat sich Deschwanden mit einem Abschluss in Betriebsökonomie an der Fernuni gerüstet. Vorerst aber konzentriert er sich auf zwei andere Ziele, ein kurz- und ein mittelfristiges. So bald wie möglich will er eine Wettschuld begleichen: Vor den Olympischen Spielen liess er sich von einem Reporter zur Aussage verleiten, einen Medaillengewinn würde er mit einem ­Tattoo verewigen. Das Motiv hat er gefunden, nur der Termin im Tattoo­studio ist noch offen. «Aber es passiert noch vor dem Auftakt zur Saison!»

In dieser konzentriert sich Deschwanden auf die WM in Falun (S), weiter voraus blickt er nicht. Nur ­eines weiss er: Auf eine zähe Saison wie die vergangene hat er – Bronzecoup und Weltcupsieg hin oder her – keine Lust mehr. «Mit 18 oder 20 eine schlechte Periode im Weltcup zu erleben, das kann passieren. Aber mit 35 gibst du dir das nicht mehr.» Mit seiner Olympiamedaille mag Deschwanden ein kleines Stückchen in die Fussstapfen seines Teamkollegen und doppelten ­Doppelolympiasiegers Simon Ammann getreten sein. Eine ewige Karriere wie beim Toggenbur­ger, der auch mit 45 noch nicht genug hat, wird es bei Deschwanden aber kaum geben. Genauso wenig wie weitere Tattoowetten.

Der Knoten ist gelöst: Deschwanden darf sich
ältester Premierensieger der Skisprunggeschichte
nennen.

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