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Quo vadis, Schweizer Sport?

Abwärts im Treppenhaus des Hotels Bellevue in Bern – aufwärts mit dem Schweizer Sport: Ruth Metzler-Arnold (l.), Präsidentin Swiss Olympic, und Sandra Felix, Direktorin BASPO.

Aus Sporthilfe Magazin 1/26
Interview: Max Fischer | Fotografie: Joan Minder

Wir sind die kleine grosse Sportnation! Damit das so bleibt, muss sich jeder und jede Einzelne, aber auch die Politik bewegen. Die zwei «höchsten Sportlerinnen» der Schweiz, Ruth Metzler-Arnold und Sandra Felix, erklären, wie das die Gesellschaft prägen kann.

Alt Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold, 61, als Präsidentin von Swiss Olympic und Sandra Felix, 59, als Direktorin des Bundesamtes für Sport BASPO sollen unser Land in eine erfolgreiche Zukunft führen – im Breiten- wie im Leistungssport. Das Magazin der Sporthilfe hat sie im Haus des Sports in Ittigen BE zum Visionen-Gespräch getroffen.

Ruth Metzler-Arnold und Sandra Felix, 2038 sollen die Olympischen Winterspiele in der Schweiz stattfinden – auch der Bundesrat unterstützt das Projekt. Wie wollt ihr die nicht sportaffine Bevölkerung dafür begeistern?

Ruth Metzler-Arnold: Emotionen sind der Schlüssel! Die Olympischen Spiele Milano Cortina jüngst in Italien mit dem Schweizer Rekordergebnis von 23 Medaillen und die UEFA Women’s Euro letztes Jahr in der Schweiz haben gezeigt, wie sehr Grossanlässe ein Land bewegen. Solche Events sind nicht nur für Athletinnen und Athleten ein Höhepunkt ihrer Karriere. Sie entfalten vor und nach den Wettkämpfen eine Wirkung in alle Landesteile und in alle Gesellschaftsschichten. Deshalb hat das Sportparlament – 87 nationale Verbände, davon nur sechs olympische Wintersportverbände – klar Ja zum Projekt gesagt. Die Schweiz bewirbt sich auch um die Ausrichtung der Sommer-Multisport-Veranstaltung European Championships 2030. Mit diesen beiden Sport-Grossanlässen möchten wir in der Schweiz ein «Jahrzehnt des Sports» prägen.
Sandra Felix: Der Bundesrat sieht in Olympia grosse Chancen – für den Sport, aber auch für unsere Gesellschaft. Wir stehen zwölf Jahre vor dem Event. Diese Zeit erlaubt uns, verschiedenste Entwicklungen anzustossen in Bereichen wie Gesundheit, Bildung, Integration, Nachhaltigkeit und Innovation. Olympische und Paralympische Spiele sind mehr als nur ein paar Wochen Sport: Sie sind ein Hebel, um bestehende Strategien des Bundes konkret umzusetzen – vom Bewegungsverhalten der Bevölkerung bis zur Standortattraktivität.

Der Bundesrat sieht in Olympia grosse Chancen – für den Sport, aber auch für unsere gesamte Gesellschaft

Sandra Felix

Weshalb brauchts diese Förderung des Sports – von Kindern bis Seniorinnen?

SF Studien zeigen, dass Kinder, die an J+S-Programmen teilgenommen haben, sich als Erwachsene mehr bewegen. Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer helfen Seniorinnen und Senioren, länger selbstständig zu bleiben. Sport stärkt das Sozialleben, den Zusammenhalt und die Begeisterungsfähigkeit.
RMA Im Spitzensport entstehen grosse Emotionen, die Menschen verbinden: im Stadion, auf Sportplätzen oder wenn man gemeinsam vor dem Fernseher eine Abfahrt oder einen Fussballmatch verfolgt. Aber auch der Wettkampfsport im Freizeitbereich lehrt Disziplin, fair zu gewinnen und zu verlieren sowie Verantwortung zu übernehmen. Ohne Breitensport gibt es keinen Spitzensport – und umgekehrt. Ich war nie Spitzensportlerin, aber als ambitionierte Leichtathletin habe ich in Wettkämpfen gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen.

Viel spricht man von der integrativen Kraft des Sports.

RMA Zu Recht! Diese ist nicht nur im Fussball enorm. Auch in kleineren Sportarten passiert viel. Ich denke beispielsweise an die ländlichen Ringervereine in Willisau, im Freiamt, in Einsiedeln oder Kriessern. Da wird seit Jahren hervorragende Integrationsarbeit geleistet. Und das hauptsächlich ehrenamtlich. Und hier schliesst sich der Kreis: Viele in den unzähligen Vereinen engagierte Sportfans nehmen als Besucher oder Volunteers an Grossveranstaltungen teil. Hinzu kommt, dass Grossveranstaltungen nicht nur emotionale Spuren hinterlassen. Ein Vermächtnis der Euro 2008 in der Schweiz ist die Senkung des J+S-Alters von zehn auf fünf Jahre.
SF Athletinnen und Athleten, die international den Durchbruch geschafft haben, sind grosse Motivatoren für Kinder. Sportveranstaltungen wie Olympische Spiele und Welt- oder Europameisterschaften sind Leuchttürme – für Athletinnen und Athleten genauso wie für Kinder, die zu ihren Vorbildern aufschauen. Im eigenen Land zu starten oder gar zu gewinnen, ist ein zusätzlicher Antrieb. Wenn eine Mujinga Kambundji ein Training mit Kindern leitet, spürt man, wie die Begeisterung sofort überspringt. Ob ein Kind später an der Spitze landet, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass es überhaupt aktiv wird.

FDP-Nationalrat Marcel Dobler hat ein Postulat zu Forschung und Innovation im Sport eingereicht. Wie ist der Ansatz von Swiss Olympic und dem Bund?

RMA Wir haben in der Geschäftsleitung kürzlich als Neuerung eine Chief Digital Officer eingestellt, die strategische Digital- und Innovationsprojekte vorantreibt. Eines davon ist der Innovation Hub. Mit diesem vernetzt Swiss Olympic Sport, Hochschulen und Wirtschaft – ein Ökosystem, das von der Trainingswissenschaft über Digitalisierung bis zur Karriereplanung reicht. Ein anderes Beispiel ist der Athlete Hub. Er soll Athleten dabei unterstützen, den Spitzensport mit Ausbildung, Beruf und der Zeit nach der aktiven Karriere zu verbinden.
SF Die Analyse des Postulats hat gezeigt, dass der Sport allein oft zu wenig Kraft hat, um an Forschungs- und Innovationsgelder zu gelangen. Fragestellungen sind häufig sehr spezialisiert – etwa bei Kufen im Bobsport oder beim Skiwachs – und damit nicht breit genug für allgemeine Förderprogramme. Öffnet man die Fragen aber und stärkt etwa Gesundheits- und Präventionsaspekte, entwickelt sich plötzlich Forschungsinteresse auch ausserhalb des Sports. Unsere Aufgabe ist es, Themen zu bündeln, damit der Transfer in die Gesellschaft gelingt. So entstehen neue Finanzierungsquellen. Und wir müssen lernen, Wissen gezielter zu teilen, ohne sportliche Wettbewerbsvorteile sofort preiszugeben – ähnlich wie es die Wirtschaft mit Patenten macht.
RMA Gleichzeitig ist der Sport in der Wirtschaftswelt noch zu wenig sichtbar, obwohl er ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist: Von Infrastrukturen über Tourismus schafft der Sport Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Ich werde an viele Anlässe immer noch primär in meiner Rolle als Präsidentin von Switzerland Global Enterprise eingeladen – und dann als Präsidentin von Swiss Olympic wahrgenommen. Ich versuche, das zu nutzen, um Sport und Wirtschaft stärker zu verknüpfen. Es braucht vermehrt Persönlichkeiten aus dem Sport, die in der Wirtschaft verankert sind. Deshalb freue ich mich, dass Severin Moser den Verein für die Kandidatur der European Championships präsidiert. Als Olympionike (1988 im Zehnkampf / Red.) mit wirtschaftlicher Kompetenz, Führungserfahrung auf Top-Ebene und breiter politischer Vernetzung verkörpert er diese Brücke.
SF In Unternehmen nimmt man zunehmend wahr, welchen Mehrwert Leistungssportlerinnen und -sportler als Mitarbeitende bringen: Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit, Teamfähigkeit. Das war mit ein Grund, weshalb ich das Projekt «Sport- und Bewegungsförderung 2040» gestartet habe – gemeinsam mit Swiss Olympic wollen wir den Wert des Sports für Wirtschaft und Gesellschaft sichtbar machen.

Es braucht vermehrt Persönlichkeiten aus dem Sport, die in der Wirtschaft verankert sind

Ruth Metzler-Arnold

Der Bundesrat wollte zuerst J+S-Gelder senken. Dann hat er korrigiert. Doch immer mehr Jugendliche machen bei J+S mit – heisst letztlich also doch weniger Geld pro Kopf?

SF Nein, für 2026 gibt es genug Geld für J+S trotz Teilnahmerekord im vergangenen Jahr. Unsere Berechnungen basieren unter anderem auf dem Wachstum der J+S-Altersgruppe von fünf bis zwanzig Jahren. Das Bundesamt für Statistik geht für die nächsten Jahre von einem Prozent aus. Wir haben aber vom Bundesrat den Auftrag erhalten, die Verteilung der Gelder zu analysieren.

Das Budget für die Olympischen Spiele 2038 in der Schweiz liegt bei 2,2 Milliarden Franken. Kritiker monieren diese gewaltige Höhe.

RMA Hier müssen wir die Relationen wahren. 82 Prozent dieses Betrags werden privat finanziert und gut 18 Prozent durch die öffentliche Hand. Für den Bund sind maximal 200 Millionen vorgesehen – 60 Millionen davon sind für die Ausrichtung der Paralympics bestimmt. Ebenfalls gegen 200 Millionen sollen von Kantonen und Gemeinden kommen, wovon 60 Millionen bereits gesprochen wurden. Die Defizitgarantie sollen private Akteure übernehmen. Ganz wichtig aber: Studien beziffern die Wertschöpfung des Anlasses auf 2,7 bis 3,5 Milliarden Franken – mit 20 000 bis 30 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen und geschätzten Steuereinnahmen von 350 bis 450 Millionen Franken. Das heisst: Die Gelder der öffentlichen Hand kommen über zusätzliche Steuereinnahmen wieder herein – und obendrein erhält die Schweiz Olympische Spiele.
SF Man sollte das Projekt nicht nur aus der Perspektive «Was kostet es?» betrachten. In der Schweiz neigen wir dazu, zuerst Probleme und Risiken zu sehen. Ich war bereits an drei Bewerbungen beteiligt und habe erlebt, welche Dynamik allein eine Kandidatur auslösen kann. Die eigentliche Frage lautet: Was bringt diese Vorbereitung über zehn Jahre der ganzen Gesellschaft – und was können wir der Welt als innovatives, verlässliches Sportland mitgeben?

Können Olympische Spiele denn nachhaltig sein?

SF Es wäre falsch, die Herausforderungen kleinzureden – Grossanlässe haben immer einen Ressourcenverbrauch. Entscheidend ist aber nicht die Frage «Geht das überhaupt?», sondern «Wie machen wir es möglich?». Wir leben auf hohem Wohlstandsniveau und sind manchmal etwas bequem geworden. Gerade deshalb täte uns eine gesellschaftliche Anstrengung gut, die auch künftigen Generationen dient. Das Olympia-Projekt kann enorme Kraft entfalten – in der Klimafrage, bei Innovation, Mobilität, Energieeffizienz und natürlich im Sport.
RMA Olympische und Paralympische Spiele werden sowieso stattfinden – die Frage ist, wo. Ist die Schweiz Gastgeberin, dann können wir Nachhaltigkeit und Umweltstandards einen sehr hohen Stellenwert verschaffen. Unser Konzept basiert auf bestehender Infrastruktur und einem dezentralen Modell. Oft wird behauptet, alle Olympischen Spiele seien defizitär. Das stimmt so nicht, betrachtet man das Organisationsbudget. Paris etwa erzielte einen Überschuss. Die grossen Ausreisser der Vergangenheit kamen durch teure Neubauten zustande wie in Sotschi. Diesen Weg wollen wir nicht gehen. Wer Grossanlässe kritisch sieht, sollte unsere Kandidatur gerade deshalb unterstützen: Wir wollen einen neuen, nachhaltigeren Weg für die Zukunft der Olympischen Spiele gestalten.

Wie sehr ist Sport in der Schweiz Sache des Staates?

SF Der Staat hat im Sport eine stark unterstützende Rolle. Gemeinden stellen einen Grossteil der Anlagen zur Verfügung, Kantone und Bund ergänzen. In der Bundesverfassung ist der Auftrag zur Sportförderung verankert, insbesondere über den Schulsport, die Ausbildungsangebote und Institutionen wie die Eidgenössische Hochschule für Sport Magglingen. J+S ist ein Gemeinschaftswerk von Vereinen, Verbänden, Kantonen und Bund; auch die Spitzensportförderung der Armee ist ein wirksames Instrument. Das ist legitim, denn der Staat hat ein klares Interesse an einer gesunden, leistungsfähigen und mental starken Bevölkerung.
RMA Nur wenige Sportarten sind so kommerzialisiert, dass Athletinnen und Athleten allein von ihrer Sportkarriere leben können. Die meisten Sporttreibenden müssen parallel dazu ihren Lebensunterhalt verdienen. Ohne staatliche Unterstützung – etwa über die Armee, über Förderprogramme von Bund und Kantonen und über Mittel, die via Swiss Olympic an die Verbände gehen – wäre das System nicht tragfähig. Dazu kommt die Sporthilfe als private Geldgeberin, ursprünglich von Swiss Olympic mitgegründet: Sie unterstützt gezielt Talente, Spitzensportlerinnen und -sportler in Sportarten, in denen man kaum je von Preisgeldern leben kann. Dieses Zusammenspiel von öffentlicher Hand, Verbänden und privaten Stiftungen ist eine der grossen Stärken des Schweizer Sportsystems.

Wegbereiterinnen für eine prosperierende Zukunft des Schweizer Sports: Sandra Felix (l.) und Ruth Metzler-Arnold auf der «Bellevue»-Terrasse mit Blick auf die Aare.

Wie sieht eigentlich eure eigene sportliche Praxis aus?

SF Ich habe eine klassische Schweizer Sportbiografie: Meitliriege, später Volleyball im Dorfverein. Dann kamen 300-Meter-Schiessen, Reiten, Wandern und heute viel Bewegung in den Bergen dazu – im Sommer zu Fuss oder mit dem Bike, im Winter mit den Schneeschuhen. Ich habe den Rummel auf den Skipisten etwas hinter mir gelassen und suche eher die Ruhe in der Natur. Sport ist für mich weniger Pflicht als Lebensqualität. Und ich bin ein grosser Fan des HC Davos. Lässt es die Zeit zu, geniesse ich mit Begeisterung Spiele im Eisstadion.
RMA Ich bin polysportiv unterwegs. Joggen und Nordic Walking sind die Basis, im Winter fahre ich Ski. In den vergangenen Jahren habe ich das Hochalpine entdeckt: Dufourspitze, Zinalrothorn, Matterhorn – ich habe einige Viertausender bestiegen. Darauf bin ich stolz. Im Jahr nach meinem Ausscheiden aus dem Bundesrat bin ich den ersten von drei New-York-City-Marathons gelaufen. Als Jugendliche war ich Leichtathletin. Eigentlich bin ich eine verhinderte Tschüttelerin. Ich spielte immer in der Nachbarschaft zusammen mit Buben und war gut. Doch meine Eltern fanden damals in den 1970er-Jahren, dass ein Meitli nichts in einem FC verloren hat. Als ich beim «Schnellsten Willisauer» vor den ersten Buben ins Ziel kam, klopfte der Turnverein an – und ich wurde Leichtathletin.

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