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Dreifachsalto in die Sportgeschichte

Porträt aus Sporthilfe Magazin 1/26
Text: Emil Bischofberger | Fotografie: Flavio Leone

Kunstturner Noe Seifert gelingt mit dem Gewinn von WM-Bronze im Mehrkampf ein historischer Erfolg. Ist das der Karrierehöhepunkt für den Aargauer? Oder setzt er sogar noch einen drauf?

Am Schluss hängt alles von diesem dreifachen Vorwärtssalto ab. Steht Noe Seifert ihn, bleibt die Chance auf eine WM-Medaille intakt. Wenn nicht, wäre es wie schon so oft bei Titelkämpfen. Das ist ihm sehr bewusst, als er vergangenen Oktober beim Mehrkampf-Wettbewerb der Kunstturn-WM in Jakarta (Indonesien) für seine abschliessende Übung zum Reck schreitet. Er turnt diese so souverän, wie er dies an den fünf Geräten zuvor gemacht hat: ohne einen Wackler. Dann der Abgang, er dreht sich ein-, zwei-, dreimal – und landet auf den Füssen. Ein kleiner Hüpfer vorwärts nur, dann hat er die ganze Energie des Sprungs erfolgreich abgefedert. «Es ist eines der risikoreichsten Elemente, das ich im Wettkampf turne», sagt Seifert.

Diese Landung bringt ihm letztlich WM-Bronze ein. Richtig nervös wird der 27-Jährige erst nach seiner erfolgreichen Übung. Nun muss er den letzten Einsatz eines Konkurrenten abwarten, erst dann ist die Medaille Tatsache. «Beim Zuschauen war ich nervöser als vorher. Mein Herz pumpte wie verrückt», sagt Seifert. Doch der Konkurrent patzt, Bronze geht an den Schweizer. Es ist eine WM-Medaille mit historischem Wert, die erste im Mehrkampf – quasi der Königsdisziplin des Kunstturnens – für einen Schweizer seit 75 Jahren.

Beim Zuschauen an der WM war ich nervöser als bei meiner Übung. Mein Herz pumpte wie verrückt

Noe Seifert

Und sie kommt überraschend. Als Seifert ins Flugzeug nach Südostasien an die WM steigt, tut er das mit dem Ziel Top 8. Vielleicht wäre gar ein Top-6-Resultat möglich. Aber eine Medaille? Sein Trainer Claudio Capelli hat dieses Szenario für sich sehr wohl durchgespielt. Aber nur ganz sachte: «Im Hinterkopf war er, der Gedanke. Aber man durfte ihn fast nicht präsent werden lassen, weil es fast unmöglich schien, das zu erreichen nach so langer Zeit.»

Kraft pur: Bei 60 Kilo Körpergewicht und 1,65 Metern Grösse stemmt
Noe Seifert beim Bankdrücken 107,5 Kilo. Kein Teamkollege schafft mehr.


Früher hätte man nach einem solchen Erfolg eine Biografie verfasst. Heute schneidet der Athlet ein Kurzvideo, das seinen Weg präzise auf den Punkt bringt. In Seiferts Fall ist es ein Zusammenschnitt seiner Dreifachsalti vom Reck bei Titelkämpfen: An der WM 2022 plumpst er nach der Landung auf den Hosenboden. An der EM 2024 erneut, aber diesmal viel knapper. Bei Olympia 2024 überdreht er und stürzt auf der Matte nach vorne. 2025, an der EM, schafft er es, das zu vermeiden, muss sich aber trotzdem mit der Hand abstützen. «Trust the process», schreibt Seifert unter den Post, der natürlich mit dem gestandenen Versuch von der WM 2025 endet – und erhält dafür Likes wie nie zuvor. Über 56 000 sind es bis heute. Normalerweise schaffen seine Posts knapp 1000 Herzchen.

Der Sturm, der nach Bronze über ihn hinweggewirbelt ist, mit Ehrungen und der Einladung ins «Sportpanorama» hat sich gelegt. Neue Sponsoren haben sich keine gemeldet. Als Kunstturner führt man ein Schattendasein, die kleinen Schaufenster an den jährlichen Titelkämpfen schaffen es nicht, genügend Medienpräsenz zu generieren. «Ich kann davon leben, grosse Sprünge muss ich aber keine machen», sagt Seifert (siehe Editorial). Entsprechend arbeitet er nicht nur als Ausgleich zum Kunstturnen in einem 30-Prozent-Pensum beim Bundesamt für Sport (BASPO) für die Abteilung Jugend+Sport. Mehr läge auch nicht drin: Von Montag bis Freitag trainiert Seifert mit dem Nationalteam im Turnzentrum in Biel, an den meisten Tagen zwei Einheiten. Pro Woche macht das bis zu 24 Stunden. Dazu kommen regelmässige Massage- und Physiotherapietermine.

Natürlich gehören auch Krafteinheiten zum Trainingsprogramm. Aber wirklich besser wird man im Kunstturnen nur, wenn man an den Geräten turnt. Erst einzelne Elemente, später Kombinationen und vor den Wettkämpfen auch ganze Übungen, nur so erlangt man die Ausdauer, um diese am Tag X perfekt zu absolvieren. Besonders beansprucht werden dabei die Hände und die Füsse. Je nach Gerät benützt Seifert deshalb zusätzlich Fussschoner (am Boden und beim Sprung) und Griffleder (an den Ringen und am Reck). Ebenso notwendig ist das Tapen der Hände zur Entlastung der Sehnen und zur Schonung der am stärksten beanspruchten Handpartien. Eine Rolle Tape geht pro Woche dafür drauf.

Nach Biel zieht Noe Seifert bereits als 14-Jähriger, früher als die meisten Kollegen. Fortan lebt er in einer Gastfamilie, turnt und geht daneben in eine Bilingue-Schule. «Das war zu Beginn nicht einfach: Obwohl ich vorgearbeitet hatte, war ich im Französisch ein ganzes Buch im Rückstand.» Später absolviert er in Magglingen auch das KV. Noch heute lebt er im Sportdörfchen hoch über dem Bielersee. Im Schachenmannhaus wohnen die zehn Mitglieder des Nationalkaders in einer grossen WG. Aber nicht mit klassischem Ämtliplan, und gegessen wird in der Mensa. «Wer keine Lust auf Gesellschaft hat, geht allein hin. Wir sehen uns am nächsten Tag wieder in der Halle», sagt Seifert. Normalerweise trainieren die Turner auch in Magglingen, doch weil die Jubiläumshalle renoviert wird, müssen sie derzeit täglich nach Biel hinunterfahren.

Zu turnen beginnt Seifert, nachdem ihn als Sechsjährigen die Turner an den Olympischen Spielen von Athen tief beeindruckt zurückgelassen haben. Sein Talent wird bald erkannt. Ihn faszinieren damals schon die fast unendlichen Möglichkeiten der Sportart. «Man kann so viele neue Elemente lernen. Klar ist das auch repetitiv. Aber die Lust am Neuen überwiegt.» Dazu kommen im Kinder- und Teenageralter Turnlager mit anderen Talenten. «Plötzlich hatte ich Freunde aus der ganzen Schweiz. Davor kannte ich ja nur die anderen Kinder aus Oftringen.» Noe macht wohl stetig Fortschritte, doch dass in ihm einer heranwächst, der die nächste Mehrkampfmedaille für die Schweiz gewinnen würde, ist da noch längst nicht absehbar.

«Er hatte einen guten Körper für einen Turner, war nicht sehr gross. Aber da fehlte auch noch viel: die Körperspannung. Zudem war er ein schmaler Bursche mit wenig Muskeln», erinnert sich Claudio Capelli an den kleinen Noe, wie der damals als Junior nach Magglingen kommt. Capelli ist zu jener Zeit eine der Stützen im Nationalteam. Nach seinem Rücktritt 2016 wechselt er fast nahtlos ins Trainerteam und begleitet so Seifert bei dessen Aufstieg – bis zum Triumph in Indonesien.

Als er nach Magglingen kam, war er noch ein schmaler Bursche mit wenig Muskeln

Claudio Capelli, Trainer
Welt-Vorhang auf für den Schweizer Turnsport: Noe Seifert ist erster Mehrkampf-WM-Medaillengewinner seit Walter Lehmann und Marcel Adatte 1950.
Bis zu 24 Stunden trainiert Noe jede Woche. Erst übt er einzelne Elemente, dann Kombinationen und erst vor Wettkämpfen die ganzen Übungen.

Seiferts physische Attribute sind geblieben. Mit 1,65 Metern ist er der Zweitkleinste im Team. Bezüglich Kraft hat er aber definitiv aufgeholt. Im Bankdrücken stemmt im Vergleich zum Körpergewicht keiner mehr als er: 107,5 Kilogramm bei gut 60 Kilogramm Körpermasse.

Bis dahin brauchte es aber seine Zeit: Ins Nationalteam steigt Noe erst mit 21 auf, der erste Meistertitel im Mehrkampf folgt mit 24. Zuletzt siegt er im nationalen Vergleich viermal in Folge. «Wir haben drei, vier Mehrkämpfer, die sehr gut sind. Ich bin momentan einfach der Beste von uns», sagt Seifert. Die Breite im Schweizer Team ist wichtig, weil nur so das nächste Ziel erreichbar ist: Die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028 erfolgt über das Abschneiden des Teams an der WM 2027.

Die Ziele gehen Noe Seifert also nicht aus. WM-Bronze macht ihm Lust auf mehr: eine EM-Medaille etwa in Hannover im Juli. Oder ein erneuter Coup an der WM in Rotterdam im Oktober? «EM-Gold, im Mehrkampf oder an einem Gerät, ist sicher ein Ziel», sagt er. Klar: In Jakarta lagen am Ende nur der Japaner Daiki Hashimoto und der Chinese Zhang Boheng vor ihm.

Zugleich hat sich in Indonesien alles ineinandergefügt: Die Anpassungen des internationalen Turnverbands in der Bewertung der Übungen sind Seifert entgegengekommen. Neu zählen acht statt zehn Elemente, Patzer wiegen damit schwerer, die saubere Ausführung wird wichtiger als der Schwierigkeitsgrad allein. Dazu verzichteten ein paar Konkurrenten mit Medaillenpotenzial zugunsten der Einzelgeräte auf den so anforderungsreichen Mehrkampf. «Es spielte alles zusammen», sagt Trainer Capelli. So viel Puffer werde schon an der WM diesen Herbst nicht mehr vorhanden sein. Dazu gibt es im internationalen Verband Bestreben, die Russen wieder zu zulassen, welche in früheren Jahren ebenfalls um die Spitzenplätze mitkämpften.

Und wo wird sich Seifert in dieser Gemengelage einordnen? Er ist sich selbst nicht ganz sicher. Für gewöhnlich sind Spitzensportler gut darin, sich ganz dem «Höher, schneller, weiter»-Mindset hinzugeben. Seifert ist da anders, lässt durchaus auch Zweifel zu, wenn er sagt: «Ich weiss nicht, ob ich WM-Bronze noch toppen kann. Ich bin einfach glücklich, dass ich das geschafft habe, diese Genugtuung für die 20 Jahre, die ich turne.» Trainer Capelli ist gedanklich längst schon einen Schritt weiter. Er weiss genau, dass bei Seifert sehr wohl noch Potenzial brachliegt. «Noe lehnt sich jetzt nicht zurück, nur weil er die Medaille gewonnen hat – es sind schon noch Ziele da. Er kann an drei bis vier Geräten schwierigere Übungen turnen in den nächsten Jahren. Wenn er das hinbrächte, gleich sauber wie an der WM, wären wir auch gegen eine lückenlose Konkurrenz auf jenem Level, das es für Medaillen braucht», sagt Capelli. «Ich sage nicht, dass das ein Selbstläufer wird. Aber auch nicht, dass es nicht möglich ist.»

Das Einbauen neuer Schwierigkeiten ist ein ständiger Balanceakt. Übertreibt es Seifert, meldet sich sein Rücken. Seit 2021 laboriert er damit herum. Wobei er relativiert: «Im täglichen Leben spüre ich ihn nicht, nur beim Turnen.» Mehr als ein Gedankenspiel ist es deshalb für ihn, irgendwann den Mehrkampf ganz beiseitezulassen: «Mit dem Alter wird es nicht einfacher. Wenn ich Boden und Sprung weglassen könnte, wäre das definitiv besser für meinen Rücken.» Dazu kommt: Die damit gewonnene Zeit könnte er in seine Paradegeräte Barren und Reck investieren – und so Gerätefinals und -medaillen anpeilen.

Wenn ich mit dem Alter Boden und Sprung weglassen könnte, wärs definitiv besser für meinen Rücken

Noe Seifert

Aber erst nach den grossen Mehrkampf-Zielen an EM, WM und bei Olympischen Spielen. So oder so wird er auch künftig seine Dreifachsaltos vom Reck drehen. Drei bis vier macht er jede Woche, um das Gefühl dafür zu behalten. Auf dass er seinem viralen Video einst einen weiteren Erfolgsschnipsel hinzufügen kann.

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