Vereint durch Kerns und eine Sporthilfe Patenschaft

Text aus Sporthilfe Magazin 1/26
Interview: Thomas Wälti | Fotografie: Adrian Bretscher
Damit hat Zehnkampf-Talent Leon Krummenacher nicht gerechnet: Bei einem Empfang zu seinen Ehren in Kerns OW überrascht ihn Marathon-Legende Viktor Röthlin mit einer bemerkenswerten Geste. Die sie seither eng verbindet.
Leon Krummenacher, 19
Geboren: 3. August 2006
Sportart: Leichtathletik (Zehnkampf)
Wichtigste Erfolge:
Bronze, U20-EM Finnland 2025 Zehnkampf
Nummer 2 auf der Allzeitbestenliste Schweiz im Zehnkampf U20 (7972 Punkte)
Mehrfacher Schweizer Meister U20
Viktor Röthlin, 51
Geboren: 14. Oktober 1974
Sportart: Leichtathletik (Marathon)
Wichtigste Erfolge:
Gold, EM Barcelona 2010 Marathon
Silber, EM Göteborg 2006 Marathon
Bronze, WM Osaka 2007 Marathon
6. Rang, Olympische Spiele Peking 2008 Marathon
Kerns im Kanton Obwalden, auf 563 Metern über Meer, zwischen Stanserhorn und Sarnersee gelegen, knapp 6700 Einwohnende. Ein kleines Innerschweizer Dorf mit grosser Leichtathletik-Kompetenz. Hier Viktor Röthlin, 51, Europa-meister und WM-Medaillengewinner im Marathon, da Leon Krummenacher, 19, Bronzegewinner an der U20-EM im Zehnkampf. Zwar wohnt Viktor heute im nahen Ennetmoos NW, doch die beiden Sportler verbindet dennoch ein enges Band.
Viktor Röthlin und Leon Krummenacher, wir treffen uns in einem Klassenzimmer der Schule Kerns. Hier im Dorf seid ihr beide aufgewachsen. Was sind eure Erinnerungen an die Schulzeit?
Viktor Röthlin: An dieses Klassenzimmer erinnere ich mich gut. Ich konnte mich nur schlecht konzentrieren, schaute ständig zum Fenster raus. Man sieht von hier auf den Sportplatz mit der 60-Meter-Sprintbahn. Auf ihr war ich als Erstklässler langsamer als die Mädchen.
Leon Krummenacher: Ernsthaft?
VR Ja. Im Zwölf-Minuten-Lauf habe ich dann alle überrundet. Die Lehrer merkten also schon früh, dass der Vik nicht schnellkräftig ist wie du, Leon, sondern ausdauernd.
LK Auch ich hatte im Unterricht einen Fensterplatz! (Lacht.) Als Bewegungsmensch gefiel mir der Schulsport sehr. Nach Prüfungen konnte ich im Sportunterricht Stress abbauen und mich erholen. Übrigens: Im Fach Sport schaffte ich stets die Note 6.
Gabs im Stundenplan neben dem Sport überhaupt Fächer, mit denen ihr euch ebenfalls anfreunden konntet?
LK Als angehender Polymechaniker habe ich eine Affinität für Mathematik. Auch die Naturwissenschaften fand ich spannend.
VR Mich interessierten auch Mathematik, Geometrie, Geschichte und Geografie. Den Zugang zu den Sprachen habe ich nicht so recht gefunden. Ich stamme aus einfachen Verhältnissen. Wir machten früher nie Ferien im Ausland. Meine Eltern nahmen mich mit in die Berge und auf die Alp. Dort brauchte ich keine Fremdsprachen. Und Englischunterricht gab es damals nur ein Jahr lang in der dritten Oberstufe.
Trotzdem sieht man dich heute auf Youtube perfekt Englisch sprechen. Wo hast du es dann doch gelernt?
VR In Kenia. Dort weilte ich jeweils drei Monate lang über die Wintermonate im Trainingslager. Zudem faszinierten mich die Geschichten von Harry Potter. Da ich jeweils nicht auf die deutsche Übersetzung warten wollte, las ich die Bücher halt auf Englisch. Wie war das bei dir, Leon? Welches Fach hast du am meisten gehasst?
LK Französisch und Englisch waren nicht meine Favoriten. Ich habe kein Talent für Sprachen, habe mich damit in der Oberstufe abgemüht.
VR Gäll, jetzt bist du aber schon froh, dass du Interviews auf Französisch und Englisch geben kannst?
LK Ja, das stimmt. Mehr noch: An Wettkämpfen kann ich so viel einfacher neue Freunde finden und bestehende Freundschaften pflegen.
Stand in eurem Zeugnis auch mal «schwatzhaft» oder so?
LK Nein, nein! Mein Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten wurde von den Lehrern stets als zufriedenstellend beurteilt. Einmal allerdings gabs einen «Zusammenschiss».
VR Das musst du uns erzählen!
LK Anlässlich einer Spendenaktion verkaufte unsere Gruppe das bekannte Kägi fret nicht für den obligaten Fünfliber pro Stück, sondern für einen höheren Preis. Aber nicht, weil wir unser Sackgeld aufbessern wollten, sondern weil wir davon ausgingen, dass die Schulleitung uns als die coolste Gruppe bezeichnen würde, wenn wir am meisten Gewinn ab liefern. Wir flogen auf, weil wir ausgerechnet einer Person ein überteuertes Kägi fret verkaufen woll-ten, die in die Durchführung dieser Spendenaktion involviert war.


Heute verbindet euch zwei eine Sporthilfe Patenschaft. Wie kam diese zustande?
LK Ich lernte Viktor am Sarnersee Lauf kennen, wo ich bei einem Teamwettbewerb für Schülerinnen und Schüler der ersten bis sechsten Klasse mehrmals gewann. Viktor überreichte mir jeweils den Preis. Darf ich dich etwas fragen, Viktor?
VR Ja, gern!
LK Die Sporthilfe fördert jährlich ja weit über tausend leistungsorientierte Schweizer Sporttalente und erhält laufend neue Anfragen nach Unterstützung. Warum hast du aus all diesen ausgerechnet mich als Patenathleten ausgewählt?
VR Die Idee, eine Sporthilfe Patenschaft zu übernehmen, geisterte schon lange in meinem Kopf herum. Als du 2025 an der U20-EM in Finnland Bronze im Zehnkampf gewonnen hast, wurde ich von der Leichtathletik Kerns angefragt, ob ich anlässlich deines Empfangs ein Interview mit dir führen könnte. Bei der Vorbereitung auf dieses habe ich dann herausgefunden, dass du noch keine Sporthilfe Patenschaft hast. So kam es zur Überraschung.
Und wie hat diese Überraschung ausgesehen?
VR Im Podiumsgespräch sagte Leon, dass man ihn noch als Pate unterstützen könne. Ich korrigierte ihn: Du hast doch bereits einen Paten – mich! Du meine Güte, hat Leon grosse Augen gemacht. Ich erklärte ihm, dass ich ein paar Tage zuvor bei der Sporthilfe das entsprechende Formular ausgefüllt hatte.
Unterstützt du noch weitere Sporttalente, Viktor?
VR Nein, da bin ich konsequent. Ich habe nur ein Göttikind, und ich gehe nur eine Sporthilfe Patenschaft ein. Die Beziehung soll etwas Besonderes darstellen. (Mit einer Patenschaft wird ein Nachwuchstalent auf dem Weg an die Spitze mit 2200 Franken pro Jahr unterstützt / Red.)
Leon, wie pflegt ihr seither euren Kontakt?
LK Wir schreiben uns Nachrichten über Whatsapp …
VR … und gehen ständig gemeinsam in den Ausgang.
LK Nein, nein! (Lacht.) Ich habe keine Zeit für Partys!
VR Für solche Sachen wäre ich auch nicht der richtige Kollege für dich. Aber im Ernst: Wenn du Fragen hast oder es um eine Sponsorenakquise geht, helfe ich dir gern.
Welche Leidenschaft ausser natürlich der Leichtathletik verbindet euch?
LK Wir halten uns beide gern in der Natur auf. So erhole ich mich nach Wettkämpfen etwa in den Obwaldner Bergen.
VR Fährst du Ski?
LK Jetzt nicht mehr. Aber früher war ich häufig in Melchsee-Frutt.
VR Da war ich als Kind auch oft. Und was für ein Zufall: Dort, wo jetzt dein Elternhaus steht, habe ich das Ski-Abc gelernt. Der Hügel wurde später überbaut.
Auch wenn euch einige Altersjahre trennen: In welchen Bereichen tickt ihr ähnlich?
LK Von der Art her sind wir abgeklärt und haben unsere Emotionen im Griff. Wir posaunen nicht alles in die Welt hinaus, sondern gehen unsere Ziele lieber ruhig an.
VR Leon und ich sind bescheiden, bodenständig und mit ethischen Werten aufgewachsen.
Und was unterscheidet euch?
LK Die Körpergrösse! (Lacht.)
VR Er ist ein «Chaschte» und ich ein «Spränzel». Leon stand offenbar stets zuvorderst in der Schlange, wenn Essen verteilt wurde, während ich noch am «Seckle» war. Nein, seriös: Uns unterscheidet die Vielseitigkeit. Ich habe eine Inselbegabung, Leon beherrscht zehn verschiedene Disziplinen.
Die Sporthilfe Patenschaft besteht seit September 2025. Gibts ausser Leons Empfang weitere gemeinsame Erlebnisse der speziellen Art?
VR Ja. Beim Sarnersee Lauf im vergangenen September konnte ich Leon als Ehrenstarter lancieren. Zuvor gab ich als OK-Präsident jeweils den Startschuss selbst ab.
Leon, welchen Impact gibt dir die Unterstützung durch die Schweizer Sporthilfe?
LK Viks Beitrag und die Swiss Olympic Card Bronze ermöglichen es mir, einen Teil der Kosten für Ausrüstung, Trainingslager, Wettkämpfe und Reisen zu decken. Als Zehnkämpfer habe ich jeweils allein zehn bis zwölf Paar Schuhe dabei. Ich bin im vierten Lehrjahr als Polymechaniker. Mein Lehrbetrieb Leister AG und ich haben eine Leistungsvereinbarung abgeschlossen. So kann ich unter der Woche während der Arbeitszeit Trainingseinheiten bestreiten. Meine Lieblingsdisziplinen im Zehnkampf sind übrigens Stabhochsprung, Diskuswerfen und Hürdenlauf.
Viktor Röthlin ist dein sportlicher Pate – und wer ist dein sportliches Idol?
LK Roger Federer. Mich beeindruckt, wie souverän er auch ausserhalb des Tennisplatzes auftritt. Ich habe 2014 ein Spiel von ihm gegen Stan Wawrinka live gesehen. Im Trainingszentrum Trainyou in Stans, wo ich hin und wieder Marco Odermatt begegne, ist ein Tennisball ausgestellt. Roger hat ihn unterschrieben und Odi geschenkt. Dieser Ball erinnert mich stets an mein Idol. Und an mein Motto: Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.
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